Rita Fürstenau | Interview mit Typotopografie
Portfolio von Rita Fürstenau, Illustration und Zeichnung.
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Interview mit Jasmin Jonietz und Sarah König für die Kassel-Ausgabe des Magazins Typotopografie (2017).

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JASMIN JONIETZ Wer bist du und was machst du?

RITA FÜRSTENAU Ich bin Rita Fürstenau. Seit 2007 leite ich Rotopol mit und arbeite dementsprechend als Verlegerin, Illustratorin, Designerin und Kunstpädagogin.

 

JJ Wie bist du auf die Idee gekommen, den Verlag zu gründen?

RF Ich wollte dem Zeichnen und dem kreativen Arbeiten mehr Raum in meinem Leben geben. Es hat sich mir deshalb die Frage gestellt, wie und ob man damit Geld verdienen kann. Als Studentin hatte ich die Idee, meine Arbeiten in den Buchhandel zu bringen. Es hat mich interessiert, ob sie sich verkaufen und auf welches Feedback sie stoßen. Aber die Buchhändler, die ich angesprochen habe, haben mir erklärt, dass das ohne Verlag nicht geht. Also habe ich selbst einen Verlag gegründet. Und es gab noch mehr Leute, die mit ihren Arbeiten nach Außen treten wollten. So habe ich Lisa Röper und Michael Meier kennengelernt. Wir haben alle Werke von uns zusammengeworfen und im Verlag veröffentlicht. Unser Traum war es, Studioplätze zu finden, die wir uns teilen könnten. Vielleicht mit Schaufenster und einer kleinen Verkaufsfläche. Und im Frühjahr 2007 haben wir dann den Laden gefunden. Um zur documenta fertig zu sein, haben wir in drei Wochen renoviert, Möbel gebaut und Artikel produziert.

 

JJ Was bedeutet euer Name?

RF Die Idee war, ein Wort zu finden, das nicht bereits im alltäglichen Sprachgebrauch mit einer Bedeutung belegt ist und international funktioniert. Schnell fanden wir den Wortbestandteil »Pol« ganz gut – als etwas, das zentriert und versammelt. Damit haben wir rumprobiert. Dann ist es »Rotopol« geworden. Auch abgeleitet von »rotieren« – also etwas Dynamischem zum statischen Pol. Es klingt gut. Und auf Französisch noch viel besser.

 

SARAH KÖNIG Neben Verlag und Laden arbeitet ihr ja auch frei, habt eure eigenen Projekte, organisiert Ausstellungen und fahrt zu Messen. Wie macht ihr das und wann schlaft ihr überhaupt?

RF Innerhalb der ersten Jahre hat sich herauskristallisiert, wie viel Arbeit es macht, einen Verlag zu führen, wenn man an die Strukturen anknüpfen möchte, die in der Buchbranche üblich sind. Hinzu kommen die Festivals, zu denen man reist, um Kontakte zu knüpfen und Termine wahrzunehmen. Auf einmal hat man einen komplett anderen Jahresrhythmus und einen vollen Stundenplan. Lisa und Michael haben Ende letzten  die Entscheidung getroffen, den Verlag zu verlassen. Sie wollten stärker freiberuflich und an ihren eigenen Projekten arbeiten. Ich persönlich war daran weniger interessiert. Die Zeit,

die man braucht, um der Akquise nachzugehen, nutze ich lieber, um meine eigenen Projekte bei Rotopol zu publizieren. Das setzt eine unheimliche Energie frei. Natürlich schlafe ich oft nicht so viel oder habe streckenweise wenig Freizeit, aber auf der anderen Seite tue ich, was ich liebe.

 

JJ Wie viele seid ihr jetzt im Verlag?

RF Wir sind zu zweit. Seit Ende August ist Carmen José mit dabei. Sie hat auch an der Kunsthochschule studiert. Zusammen mit einer Kollegin hat sie vor einigen Jahren das Papiercafé gegründet. Ein Verkaufsraum für studentische Arbeiten mit einem tollen Veranstaltungsprogramm.

 

JJ Warum braucht die Comic- und Illustratoren-Szene Rotopol?

RF Projekte, die uns interessieren sind immer solche, bei denen man einen persönlichen Zugang erkennt. Bei uns können sich die Zeichner die Freiheit nehmen, am Anfang nicht genau zu wissen, wo sie rauskommen. Sie können das machen, was sie wirklich interessiert. Unabhängig davon, was Statistiken oder Marktforschungsinstitute sagen. Wir haben eine Menge toller Zeichner mit an Bord, die sonst häufig unter Vorgaben arbeiten müssen. Wir bieten diesen Künstlern eine Plattform, um ihren eigenen Ideen nachzugehen und ihre Kreativität auszuleben.

 

SK Gibt es auch Situationen, in denen es schwierig ist, die Vorstellung der Künstler mit der des Verlags in Einklang zu bringen?

RF Man kommt natürlich immer schnell auf Ideen, die schwierig umzusetzen sind. Das passiert auf beiden Seiten. Ich will mich als Verlegerin gar nicht ausschließen. Sicher müssen wir am Ende abschätzen, was wir realisieren können und was auch finanziell umsetzbar ist. Aber grundsätzlich ist es so, dass die Zusammenarbeit zwischen dem Verlag und den Künstlern sehr eng ist. Eine unserer ersten Entscheidungen war es zum Beispiel, dass unser Logo und Schriftzug von jedem Zeichner selbst integriert wird, sodass der Titel stimmig aussieht. Das Produkt soll aus einem Guss sein. Ich habe das Gefühl, dass unsere Zeichner uns bisher alle sehr dankbar dafür waren, dass sie hier selbst Lösungen finden durften.

 

 JJ Wie positioniert Ihr Euch in dem Feld des grafischen Erzählens?

RF Wir achten tatsächlich nicht so sehr darauf, was rechts und links um uns passiert. Wenn es ums Programm geht, lassen wir uns ganz stark davon leiten, was uns selbst Spaß macht und inspiriert. Wir haben nie versucht, uns zu verbiegen, um irgendwo anzudocken.

 

JJ Euch gibt es ja nun schon seit 10 Jahren. Was habt ihr denn in dieser Zeit als Verleger gelernt?

RF Viel. Wie man ein Verleger ist. Und was es bedeutet, einen Verlag zu haben. Am Anfang haben wir einfach abgewartet, von welcher Stelle Post kommt. Mit den Jahren haben wir dann gelernt, welche Arbeitsbereiche es gibt. Natürlich hat sich unser Blick dafür geschärft, welche Projekte gut funktionieren. Wir konnten viel Erfahrung sammeln in puncto Zusammenarbeit mit anderen Kreativen. Wir wissen besser, wie man es schafft, Freiraum zu gewähren und notwendige Strukturen aufrechtzuerhalten. Und über die Jahre hat man auch gelernt, ein bisschen mehr auf sich zu achten. Dazu gehört, besser filtern zu können, worauf es ankommt. So kann man sich selber auch Freiräume einplanen.

 

SK Was ist für dich das Schönste an deiner Arbeit?

RF Es ist unheimlich schön, zu wissen, dass ich genau das mache, was ich machen möchte. Der Moment, wenn ich ein gedrucktes Produkt in den Händen halte, ist auch immer wieder toll. Dann weiß man, dass die Mühe sich gelohnt hat. Und die Möglichkeit, mit so vielen tollen Zeichnern und Künstlern in Kontakt zu treten und mitzubekommen, woran und wie sie arbeiten.

 

JJ Was ist das Schwierigste?

RF Mit der Zeit zurande zu kommen. Es irgendwie zu schaffen, sich auch eigenen Projekten zu widmen. Das ist eine große Herausforderung. Und Bücher zu verkaufen, ist auch nicht ganz einfach, Geld verdienen mit Bücherverkäufen.

 

JJ Wie würdest du denn deine Zielgruppe beschreiben?

RF Ich glaube, sie besteht aus vielen Leuten, die selbst kreativ und gestalterisch arbeiten. Aber das hängt immer auch von den einzelnen Projekten ab. Davon, ob es um Abenteuercomics geht oder um Comics mit literarischen Vorlagen zum Beispiel. Grundsätzlich sind unsere Zielgruppe Menschen, die sich darauf einlassen, etwas zu lesen, das auch Bilder hat.

 

SK Wo siehst du das grafische Erzählen momentan in der Buchbranche?

RF Im Buchhandel sorgen Bücher mit Bildern manchmal noch immer für Verwirrung. Die Fragen der Kunden sind ganz andere, wenn sie die Produkte im Laden entdecken. Für Buchhändler ist es mitunter schwierig, nicht nur über die Geschichte Bescheid zu wissen, sondern auf einmal über die Gestaltung oder den Stil sprechen zu müssen.

 

JJ Wie findest du es, dass bei der Hotlist vor zwei Jahren ein Comic gewonnen hat?

RF Es ist schön, wenn grafisches Erzählen stärker wahrgenommen wird und der Begriff »Comic« auch mit anspruchsvollen Büchern verknüpft wird. Im Genre der Literatur fällt der Comic oft raus, was eigentlich keinen Sinn macht – wir sprechen hier ja auch von grafischer Literatur.

 

JJ Wie sieht eine Lesung für ein Buch aus, das überwiegend aus Bildern besteht?

RF Hier gibt es noch keine Regeln, man kann sich ausprobieren. Bei manchen Comics lohnt es sich, die Gesamtseiten zu projizieren. Oder man kann die Bilder einzeln zeigen. Manchmal werden Musikstücke mit eingebaut oder Geräusche. Einmal haben wir mit einer Schauspielerin vom Staatstheater zusammengearbeitet, die den Text in verteilten Rollen mit verschiedenen Stimmen komplett vorgelesen hat. Unsere Veranstaltungen sind keine verkappten Verkaufsveranstaltungen, sondern eigene Events für sich.

 

JJ Habt ihr eigentlich jemals überlegt, von Kassel wegzugehen?

RF Vielleicht für einen kurzen Moment. Um dann zu dem Ergebnis zu kommen, zu bleiben. Der kurze Moment – der sich natürlich auf Berlin bezog –, weil sehr viele nach

dem Studium weggegangen sind. Tatsächlich hat es sich aber als sehr gute Entscheidung herausgestellt, hierzubleiben. In Kassel war es uns möglich, mit einem Kleinverlag die Miete für zwei Büroräume und einen Ladenraum zu stemmen und gleichzeitig das Risiko gering zu halten. Von Kassel aus kommt man außerdem überall sehr gut hin. Ich reise viel zu Festivals und Messen und schätze das deshalb sehr. Wenn ich wieder heimkomme, habe ich das Gefühl, dass ich runterkommen kann. Ich mag es, dass die Stadt sehr grün ist, keine Hektik herrscht und die Wege kurz sind. Auch die Kulturszene ist sehr ausgeprägt. Vor allem in den letzten Jahren hat sich viel getan. Immer mehr Leute haben beschlossen, in Kassel zu bleiben. Oder zurückzukommen.

 

SK Nach zehn Jahren Verlagserfahrung – wie viel Idealismus ist nötig, um einen Verlag für grafisches Erzählen zu führen?

RF Viel. Das steht außer Frage. Neben Idealismus braucht es auch Hartnäckigkeit, Eigensinn und Engagement. Jeder Verlag braucht Leute, die hinter dem Geschäft stehen. Anders macht es keinen Sinn. Am Anfang ist Unwissenheit auch hilfreich. Sodass man gar nicht genau weiß, worauf man sich einlässt, wenn man einen Verlag gründet. Geduld ist auch wichtig. Und Ausdauer.

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