Rita Fürstenau | Interview mit Alfonz
Portfolio von Rita Fürstenau, Illustration und Zeichnung.
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Interview mit Björn Bischhof für das Comicmagazin Alfonz 3/2016.

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Anders Anderssein

Wie Rotopol seit fast zehn Jahren die deutsche Comiclandschaft verändert hat

 

Am Anfang kein Name. Und das passt gut. Denn es ging um die Sache. Und nicht um Begriffe. Oder besser: Es ging darum, Bücher an den Buchhändler zu bringen. »Das war wirklich nur eine Hülle dafür«, sagt Rita Fürstenau über das erste und einzige Jahr ihres Verlags ohne Titel. In dem offenen System der Kunsthochschule Kassel studierte sie da noch Visuelle Kommunikation und hatte gerade ihr erstes Staatsexamen an der Universität Kassel für das Grundschullehramt gemacht.

 

Ihren Arbeitsplatz hatte sie damals in der Illustratorenklasse – und lernte dort Lisa Röper und Michael Meier kennen. »Wir haben gemerkt, dass wir viele Überschneidungspunkte hatten«, sagt die 34-Jährige. »Wir hatten alle Interesse daran, Projekte zu veröffentlichen, die im Studium entstanden sind. Also haben wir uns zusammengetan und geschaut, was passiert.« Röper und Meier waren zu diesem Zeitpunkt bereits Teil eines Kollektivs aus verschiedenen Künstlern. Ähnliche Ideen, ähnliches Arbeiten – es passte zusammen.

 

Mit Blick auf das Ende des Studiums suchten sie einen Ort, um ihren Austausch fortzuführen. Und finden ihn in der Friedrich-Ebert-Straße in Kassel. Sie richteten sich dort ein. Neben Büroräumen gab es noch Platz für ein Ladengeschäft und eine Galerie. So brauchte es vor der zwölften documenta nur noch einen Namen für den Verlag. Erstens soll er international funktionieren, zweitens soll er schön klingen und drittens Pol als symbolischen Sammelpunkt enthalten. »Tatsächlich kommt Rotopol auch ein bisschen von Robocop«, so Fürstenau und schmunzelt. »Das hat so einen guten Klang, wir haben damit ein bisschen rumgespielt. Roto ergab sich dann eben von Rotieren.«

 

Vor neun Jahren startete so eine der jüngsten Erfolgsgeschichten der deutschen Comicbranche. »Damals haben wir gesagt, unter dieser Konstellation und mit dieser Ausrichtung gibt es ein Konzept. Und das war der Startpunkt.« Die Gründer des Verlags entschieden sich dabei ganz bewusst für Kassel als ihren Standort – und nicht für eine andere Metropole.

 

Die Stadt in Hessen liegt so zentral, dass alle anderen Orte schnell zu erreichen sind. »Und wenn man in Kassel lebt, hat man dann die Ruhe für die Arbeit, ohne das zu viel los ist.« Viele Studenten der Kunsthochschule bleiben nun direkt in der Stadt, auch wegen den Möglichkeiten durch Rotopol. Um den Verlag mit Laden und Galerie entstanden mittlerweile neue Anlaufstellen, es gab viele Veränderungen in den anderen Gebäuden in der Nähe. Sehr zum Positiven. Und auch Kassel nahm die Arbeit des Verlags früh wahr. »Von der Stadt und dem Kulturamt sind wir sehr, sehr gut angenommen worden. Sie haben uns am Ende des ersten Jahres den Kulturförderpreis der Stadt verliehen. Was eine tolle Auszeichnung und Bestätigung für uns war«, sagt Fürstenau.

 

Die Comics bei Rotopol sind anders – auch ungewöhnlich, unbequem, unerreicht. Durch die Verbindung zur Kunsthochschule liegen die Werke stets im Zwischenraum von Anspruch und Unterhaltung. Was ein Comic haben muss, um bei Rotopol veröffentlicht zu werden? Individualität. Eigenheiten. Kreativität. »Ich glaube, er muss sehr eigen sein. Der Comic braucht eine Geschichte, die eine ganz eigene Perspektive einnimmt, und einen Zeichner, der einen sehr persönlichen Stil gefunden hat – oder ihn für dieses Projekt findet«, so Fürstenau. »Das führt dann zwangsläufig dazu, dass diese Comics nicht so nah am Mainstream sind. Weil es eben wichtiger ist, dass ein Projekt aus sich und für den Zeichner entwickelt wird. Und nicht nach dem Wunsch, einer Vorlage zu entsprechen.«

 

Das gilt auch für den Verlag selbst. Denn Rotopol legt großen Wert darauf, dass die komplette Gestaltung eines Buchs stimmt. »Dass Logo und Impressum integrieren werden, das sind Strukturen, die wir bedienen, aber die der Zeichner mitgestaltet«, sagt sie. Zudem bleibt den Geschichten immer ihre Konstruktion, auch wenn das manchmal extreme Querformate bedeuten kann. »Das ist unser Versuch, so gut es geht, von dem Projekt aus herauszudenken.«

 

Eines dieser Projekte kam einst von Thomas Wellmann. Bei seinem ersten Salon vor sechs Jahren hatte er seine Diplomarbeit dabei, sprach mit Verlagen, wo es mit seinem Comic hingehen könnte. Neben Rotopol ergab sich noch eine andere Option. Doch »Der Ziegensauger« erschien letztendlich beim Verlag aus Kassel. »Ich hatte mich am Ende aus dem Bauch heraus für Rotopol entschieden«, sagt Wellmann heute. »Weil das ein junger Verlag war, mit dessen Leitung ich auf einer Wellenlänge liege. Hinterher habe ich mich sehr über diese Entscheidung gefreut, weil Rotopol ein sehr familiärer Verlag ist. Es herrscht einfach eine tolle Atmosphäre.« Der »Ziegensauger« war schon fertig, gemeinsam mit dem Verlag gab es eine Überarbeitung, der Comic kam auf schönes Papier – und dann raus in den Handel.

 

Die Künstler gehen auf Rotopol zu. Gemeinsam schauen Verlag und Zeichner, wie es weitergeht. »Bei Rotopol gestalten die Künstler alles selbst. Es gibt vom Verlag eine Hilfestellung, aber es soll alles aus einer Hand sein«, so der 32-jährige Zeichner. »Dazu gibt es eine Betreuung. Die Zusammenarbeit ist ziemlich freundlich, sehr auf Augenhöhe.« Seit seinem ersten Comic für Rotopol erschienen mit »Renés Meditationen« und »Pimo& Rex« zwei weitere Projekte von Wellmann bei dem kleinen Verlag, die nächste Arbeit ist bereits in Planung.

 

Dass Künstler wie Wellmann auf Rotopol aufmerksam wurden, ist Rita Fürstenau ein wichtiger Punkt in der Verlagsgeschichte. Denn der Verlag erlangte so Bekanntheit außerhalb Kassels. Nur drei Jahre nach Gründung kommen die Zeichner beim Comic-Salon auf Rotopol zu. »Thomas Wellmann und Nadine Redlich waren dabei die ersten Künstler. Das hat Rotopol ein wenig auf eine andere Stufe gehoben. Da haben wir gedacht: Cool, wir werden auch an anderen Hochschulen wahrgenommen. Das war ein toller Schritt für uns«, sagt Fürstenau. Mittlerweile kommen viele Künstler während Festivals auf Rotopol zu – so entstanden etwa die Zusammenarbeiten mit Anna Haifisch und Max Baitinger.

 

Über die Jahre wurde Rotopol immer professioneller, etablierte sich als Verlag – nicht nur für die Projekte der Studenten der Kunsthochschule in Kassel. »Wir haben uns kontinuierlich mehr Wissen angeeignet und herausgefunden, was eigentlich Verlagsführung bedeutet.« Rotopol war am Anfang noch als Plattform gedacht, um als Kollektiv verschiedene Arbeiten anzunehmen und Ausstellungen zu organisieren. Heute gehört der Verlag fest zur Publikationslandschaft. »Es hat sich nach und nach herauskristallisiert, dass der Verlag das Kernstück ist und da am meisten Arbeit reingeht. Aber auch die größtmögliche Verbreitung für die Künstler bietet«, so Fürstenau. »Es gab ein kontinuierliches Wachstum – an Erfahrung, an Wissen, an Projekten.«

 

Dazu gehörte auch das Geschäft mit Lizenzen und Übersetzungen. 2013 erscheint mit »Hieran sollst Du ihn erkennen« ein Werk des kanadischen Künstlers Jesse Jacobs. »Das Buch passte so gut in das Programm, weil es auf der Schnittstelle zwischen Comic und Illustration liegt. Und Rotopl hat beides im Blick«, sagt Fürstenau. Neben mehreren Einzelausstellungen im Ladengeschäft von Rotopol gibt es in der Vorweihnachtszeit eine kuratierte Gruppenausstellung, eine Einladung ging auch an Jacobs. Der Verlag steht ebenfalls mit seinen internationalen Autoren in engem Kontakt. Als Fürstenau letztes Jahr beim Toronto Comic Arts Festival war, schaute sie auch bei Jacobs vorbei. Von der Künstlerin Hellen Jo aus Los Angeles gibt es im Verlagsprogramm bisher nur zwei Kunstdrucke – doch die Verbindung ist trotzdem da. Sie kam für zwei Wochen zur documenta nach Kassel, als es im Laden von Rotopol eine Ausstellung ihrer Werke gab.

 

Einer der größten Erfolge des Verlags stammte von Verlagsmitgründer Michael Meier. Von »Das Inferno« hat sich mittlerweile schon die zweite Auflage komplett verkauft. Der Comic erschien zuerst als täglicher Strip in der Frankfurter Rundschau, war allerdings von Anfang an als Buch geplant. »Das Konzept ging ziemlich gut auf«, sagt Fürstenau. »Da haben wir auch gemerkt: Eine breitere Leserschaft hatte den Comic schon bemerkt. Und es war eben auch einfach ein gutes Buch.« Es ist nicht der einzige Comic von Rotopol, der schon große Aufmerksamkeit erregte.

 

Denn Markus Färbers »Reprobus«, die Geschichte eines hundsköpfigen Riesens, landete auf der Auswahl der schönsten deutschen Bücher des Jahres 2013 der Stiftung Buchkunst. Und das als erster Comic überhaupt. »Wir hatten damals nicht so viele Exemplare gedruckt, weil wir dachten: Das wird schwierig, die Erzählweise ist so anspruchsvoll, eher etwas für geübtere Leser – was für uns aber wieder total spannend war.« Durch die Auszeichnung erhielt »Reprobus« aber doch deutlich mehr Aufmerksamkeit, auch vom breiten Publikum. Der Status Geheimtipp? Ziemlich schnell verflogen. Nun ist auch dieser Comic ausverkauft. Eine zweite Auflage ist bislang nicht geplant. »Für viele zweite Auflagen ist der Verlag vielleicht noch ein bisschen klein«, so Fürstenau.

 

Vor einem halben Jahr dann eine Veränderung im Verlag: Meier und Röper geben ihre verlegerische Tätigkeit auf. Sie wollen sich einfach wieder mehr auf ihre eigenen Sachen konzentrieren. Rita Fürstenau arbeitet nun mit zwei Praktikanten bei Rotopol, bald soll es eine weitere Teilzeitstelle geben.

 

Rotopol hat sich in seinen zehn Jahren als Anlaufstelle für außergewöhnliche Comics etabliert. Für Werke, die experimentieren, die das Anderssein anders machen. »Ich würde die Rotopol-Projekte da keiner dieser Schubladen zuordnen«, sagt Fürstenau. »Wir veröffentlichen das, was wir spannend finden. Alles hat seine Daseinsberechtigung. Und das ist doch das Schöne an der deutschen Comiclandschaft, so wie ich sie wahrnehme: Es gibt für alles einen Ort.« Und mit Rotopol einen Ort, der wichtig und dringend notwendig ist. Mit einem Programm zwischen Avantgarde und Spielerei, zwischen Fingerübung und kleinem Meisterwerk. »Da hat Rotopol auch so seinen eigenen Fleck gefunden.« Und der sieht so aus, wie sonst kein anderer Fleck der deutschen Verlagslandschaft.

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